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Interview Frederike Fritzsche OTTO Laudert

Frauen in Tech: Tatsächlich scheitert es am Wie

OTTOS Tech-Ambassador Dr. Frederike Fritzsche im Interview

Fachkräfte-Mangel, demographischer Wandel hier, Gender-Pay-Gap und Diskriminierung da: Frauen in Tech haben in den letzten Jahren enorme Erfolge erzielen können, haben es im Allgemeinen aber weiterhin nicht einfach. Aber es gibt Wege und Lösungen! Wir haben mit
Dr. Frederike Fritzsche gesprochen, die das Thema nicht nur in die Otto Group, sondern auch aus Eigenantrieb in zahlreichen Kooperationen und Events vorantreibt.

Eigentlich ist das Thema doch totgeredet: Jeder weiß um wichtige Herausforderungen für Frauen in Tech-Branchen: Unterrepräsentation, Lohnkluft, Vorurteile und Stereotypen, exkludierende Arbeitsplatzkulturen … Frederike, was müssen wir eigentlich anders machen, um das Offensichtliche zu beheben?

Frederike Fritzsche Portrait

So unterschiedlich wie die hier genannten Herausforderungen sind auch die Ansätze, um ihnen zu begegnen. Zunächst einmal braucht es sichtbare Vorbilder, um Mädchen und Frauen zu zeigen, dass MINT-Fächer ein Weg für sie sind. Daran hängen auch Formate, die sich gezielt an den weiblichen Tech-Nachwuchs richten, um diese Berufe attraktiv für sie zu machen und dabei gleichzeitig mit eingefahrenen Stereotypen aufzuräumen. Wir müssen die IT vom schon immer falschen Klischee der Kellerkinder mit Vitamin-D-Mangel entrücken und zeigen, dass sie so divers ist wie wir als Gesellschaft.

Sprechen wir von Frauen in Tech-Berufen, geht es natürlich um eine längst überfällige Chancengleichheit. Um soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Aber selbst die vehementesten Verfechter des Status quo müssen sich damit jetzt auseinandersetzen: Wir haben einen eklatanten Fachkräftemangel. In den kommenden Jahren wird dieser noch exponentiell dramatischer werden, wenn rund sieben Millionen Arbeitskräfte durch den demografischen Wandel aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Und trotzdem benachteiligen wir strukturell noch immer 50 % der Arbeitskräfte. Sei es mit Blick auf Bildungsangebote, ihre Aufstiegschancen oder in finanziellen Belangen. Hier braucht es Aufklärung und einen offenen Diskurs.

Nach wie vor bekleiden Männer die meisten wichtigen Positionen, verfügen über Gelder und Kapital. Was müssen Männer eigentlich tun, um Frauen, insbesondere im Tech-Bereich, dieselben Möglichkeiten zu eröffnen?

Es stimmt, dass noch immer viele Männer die Positionen besetzen, die die Weichen für mehr Gleichstellung und Diversität in den Tech-Teams stellen können. Es hilft jedoch, wenn wir diese Männer nicht als Gatekeeper, sondern als Verbündete begreifen. Unser CIO Dr. Michael MüllerWünsch hat beispielsweise vor etwa eineinhalb Jahren die Wette ausgerufen, dass er 50 % der offenen Tech-Stellen mit Frauen besetzen möchte. Die Reaktionen, auch von seinen Geschlechtsgenossen, waren in der Regel positiv, aber ungläubig. Woher solle man diese Frauen denn nehmen? Es gebe schlichtweg zu wenige weibliche Fachkräfte.

Bei OTTO haben wir deshalb bewusst in Kauf genommen, dass sich die Time-to-Hire erhöht. Dass wir noch sorgfältiger und vielleicht auch länger nach Expertinnen suchen müssen. Und, dass wir noch deutlicher machen müssen, warum es für Frauen so attraktiv ist, eine Karriere in der IT einzuschlagen. Das Ergebnis war, dass wir 2023 ganze 44 % der offenen Tech-Stellen mit Frauen besetzen konnten. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass diese Zahl weiter steigen wird.

Das zeigt: Es geht. Und in meiner Erfahrung ziehen Frauen auch immer weitere Frauen an. Es lohnt sich also, diesen Initialaufwand zu betreiben und vielleicht auch mal einen Monat länger nach einem passenden Talent zu suchen. Wir hoffen, dass unser CIO hier anderen Entscheidern ein Vorbild ist, damit wir wiederum neue Vorbilder für Mädchen und Frauen schaffen können.

Zitat OTTO Frauen 44 Prozent

Was sind aus deiner Sicht die größten Probleme, vielleicht auch die größten verpassten Chancen, die durch den Mangel an Frauen in Tech-Berufen einhergehen?

Wir müssen dahin kommen, dass wir Diversität nicht als Nice-to-have, sondern als Vorteil begreifen, auch bzw. insbesondere, wenn es um Technologie geht. Denn nur, wenn Menschen mit unterschiedlichen Herkunft-Backgrounds und eben auch Geschlechter und Geschlechtsidentitäten Lösungen entwickeln, werden wir diesem vorurteilsfrei und gleichgestellt nutzen und von ihnen profitieren können. Und hierfür müssen wir ein Bewusstsein schaffen – in der Gesellschaft und in den Entscheidungsgremien der Unternehmen.

Was sind Schlüssel-Themen in Unternehmen, in denen es deiner Erfahrung nach krankt? Welches sind bedeutende Hebel, um Mindsets in Unternehmen zu verändern?

Tatsächlich scheitert es häufig am Wie. Spricht man mit Unternehmen über das Vorhaben, mehr Frauen in Tech-Berufen zu besetzen, ist die Reaktion fast ausnahmslos positiv. Aber es fehlt an Ideen, wie das in Anbetracht eines noch immer vorherrschenden Mangels, geringen Absolventinnen-Quoten an den Hochschulen etc. gelingen kann. Hier helfen Vorbilder, der offene Erfahrungsaustausch zu diesen Themen und natürlich das Engagement für den weiblichen Tech-Nachwuchs. Wir bei OTTO haben beispielsweise die Veranstaltungsreihe develop<her> ins Leben gerufen, um Mädchen und Frauen MINT-Berufe näherzubringen. Zudem arbeiten wir seit geraumer Zeit mit der Hacker School zusammen. Dr. Müller-Wünsch, unsere HR und ich selbst sind zudem vielfach auf Veranstaltungen zugegen, um über dieses wichtige Thema zu sprechen, anderen Unternehmen Impulse zu geben und selbst auch vom Austausch mit ihnen zu profitieren.

In einigen großen Unternehmen kam es in den letzten Monaten zu öffentlich gewordenen Fällen systematischer Frauenfeindlichkeit. Muss die Politik in solchen Fällen mehr einbezogen werden? Wie verhindert man solche Fälle, wie verändert man eine solche Unternehmenskultur?


Wir sind in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt durch MeToo, ein ganzes Stück weitergekommen, wenn es um die Aufklärung und Aufarbeitung systematischer Diskriminierung im Berufskontext geht. Die Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen aber auch, dass wir noch weit davon entfernt sind, diese Probleme gelöst zu haben. Und trotzdem bewegen wir uns in einem Klima, in dem immer mehr Frauen und andere Opfer sozialer Benachteiligung und geschlechtlicher Diskriminierung diese Erfahrungen viel eher öffentlich machen, als das vor einigen Jahren noch der Fall gewesen wäre. Ich glaube, das ist ein erster entscheidender Schritt zu einem Paradigmenwechsel. Der öffentliche Diskurs hat sich verändert – das wirkt sicherlich auch auf die Politik. Dennoch sehe ich in erster Instanz die Unternehmen in der Verantwortung, kulturell die Leitlinien zu schaffen, um so etwas von vornherein zu verhindern. Ein gemeinsames Werteverständnis und gelebte Transparenz sind dafür essenziell. Auch ein offener Austausch innerhalb der Organisation ist entscheidend – bei OTTO bieten wir zum Beispiel unterschiedliche Netzwerke für Frauen oder LGBTQI+-Personen an, in denen das möglich ist.

Du bist Mutter von zwei Kindern. Was können Eltern tun, um ihren Töchtern die Tech-Welt auch als Berufszweig zu eröffnen? Wie groß ist der Einfluss der Eltern?


Der Einfluss der Eltern ist enorm. Kinder brauchen Role Models, wenn sie sich ihren Job aussuchen.
Eltern aus Tech-fernen Berufsbildern könnten Angebote von Initiativen wahrnehmen, davon gibt es
mittlerweile sehr viele. Wir kooperieren zum Beispiel mit der Hacker School. In dem Kurs „Programmieren mit Kindern“ zeigen wir außerdem Eltern, wie Kinder an das Thema herangeführt werden können. Oft sind es ganz kleine und einfache Impulse, die gesetzt werden können. Eines meiner (analogen) Lieblingsspiele mit meinen Kindern ist, Roboter zu spielen. Einer gibt die Anweisung, wie die Bewegung aussehen soll, und ein anderer ist der Roboter. Da lernt man, wie Roboter funktionieren, denn es ist gar nicht so einfach, ganz präzise zu sagen, wie die Bewegung aussehen soll. Ein großartiges Spiel, bei dem viel gelacht wird.

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